Preis der Deutschen Weinkritik – „Wein vom Roter Hang e.V.“

Letztes Jahr im Dezember habe ich mich in einer Facebook-Gruppe angemeldet, die „Wine-Wichteln“ heisst. Diese Gruppe lässt eine schöne Tradition wiederaufleben, die viele von uns noch aus der Schulzeit kennen, wenn die Weihnachtszeit anbricht. Bei der Wine-Wichtel-Facebook-Gruppe bekommt jeder, der sich angemeldet hat, eine Adresse von einem anderen Teilnehmer zugeschickt. Dem schickt man dann einen Wein, den man gut findet und vielleicht mal einem Gleichgesinnten vorstellen möchte. Im Gegenzug bekommt man selbst von einer ganz anderen Person einen Wein geschickt.

Ich entschied mich, dem Kandidaten, den ich gezogen hatte, es war ein Herr aus Berlin, einen Riesling Niersteiner Ölberg von Lisa Bunn zu schicken. Lisa Bunn ist übrigens, wie ich erfahren habe, auch selbst Mitglied dieser Facebook-Gruppe.
 Ich hatte kurz überlegt, ob ich den Ölberg oder den Hipping von Lisa Bunn verschicke. Dann warf ich noch einmal ein kurzen Blick in den aktuellen Gault Millau – und entschied: ich glaube, den Hipping behalte ich lieber mal selbst. Jedenfalls: Der Ölberg wurde eingetütet, ich schrieb ein herziges Kärtchen dazu, mit jeweils zwei Sätzen zur Winzerin und auch zum Roten Hang, und ab ging die Post nach Berlin. Kurz darauf erhielt ich eine Facebook-Message vom Beschenkten. Er schrieb, er habe sich sehr gefreut, und dass ich mir so viel Mühe mit der Karte gemacht habe, sei toll, aber die Winzerin und auch der Rote Hang seien ihm als Weinliebhaber – auch im fernen Berlin – selbstverständlich ein Begriff. Nun weiss ich natürlich nicht, ob der ältere Herr vor der jungen Dame einfach nur gut dastehen wollte, und das deshalb einfach behauptet hat. Sicher ist jedenfalls, dass er spätestens seitdem den Roten Hang auf dem Schirm hat. Und nicht nur er: Denn in der Facebook-Gruppe wurde nach Weihnachten eine Liste veröffentlicht, mit allen Weinen, die verwichtelt worden waren. Insgesamt habe ich darauf sieben Weine von Winzern vom Roten Hang gezählt.

Wein aus Rheinhessen im Allgemeinen und vom Roten Hang im Speziellen stehen heute selbstverständlich auf den Weinkarten renommierter Restaurants und liegen in den Kellern der Weinkenner. Das war aber nicht immer so. Schlechte Zeiten gab es während der 1980 und 1990er Jahre in ganz Rheinhessen, auch am Roten Hang, der 100 Jahre zuvor noch ein schillernder Name in der Weinwelt war. Es war eine Zeit des Massengeschäftes, wo Rheinhessen als zuverlässiger Mengenlieferant gefragt war, die grossen Qualitäten von dort aber nicht oder nur von vereinzelten Leuchtturm-Betrieben erwartet wurden. Diese dann wiederum auch eher nicht für ihre Herkunft standen, sondern vielmehr für sich selbst. Nierstein war geprägt von wenigen, sehr großen Betrieben – und um es kurz zu sagen: Es gab zu viel Menge und zu wenig Spitzenweine. Und während in anderen Weinanbaugebieten Deutschlands die Reise schon woanders hinging, hatte die Rheinterrasse den Umbruch etwas verschlafen.

Ab der Mitte der 1990er Jahre passierte plötzlich etwas: Immer mehr rheinhessische Winzer, in Nierstein und anderswo, erkannten, dass es da noch mehr geben muss. Eine neue Generation von Jungwinzern übernahm das Ruder – und wollte plötzlich nicht mehr nur Durchschnitt sein. Man war in Geisenheim und dann in Neuseeland, man dachte: so was müssen wir doch auch können. Ein neues Zeitalter brach an – und das, dann aber ziemlich rasant, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Branche handelt, bei der es um Pflanzen geht, die erst einmal mehrere Jahre lang wachsen müssen, bevor man sie nutzen kann. 1988 gründete sich der Verein „Wein vom Roter Hang“ mit damals rund einem Dutzend Mitgliedern. In dieser Zeit befand sich nicht nur Nierstein, sondern ganz Wein-Deutschland in einer handfesten Krise. Die Absätze und auch das Image des deutschen Weines waren in den Keller gerauscht – doch die Niersteiner Winzer nahmen das als Chance: Sie schrumpften sich gesund. Und sie beschlossen, ihren großen Trumpf auszuspielen: Die Top-Riesling-Lage vor ihrer Haustür.

Eine Top-Rieslinglage ist der Rote Hang wegen des mineralischen Bodens, geprägt von Ton-Sandstein und von Eisenablagerungen, die ihm die namensgebende rote Farbe verleihen. Er neigt sich zur Süd- und Südostseite, so dass die Sonne viel Wärme auf ihn abgeben kann, die der Boden speichert und in der Nacht abgibt. Heute arbeiten 29 Winzer verschiedener Generationen am Roten Hang, deren unterschiedliche Ideen aufeinandertreffen. Das führt auch schon einmal zu Diskussionen, z.B. ob man in der Riesling-Toplage etwa auch Spätburgunder, Sauvignon Blanc oder gar Blaufränkisch anbauen sollte.

Einerseits kann man da sagen: Wenn man etwas gut kann, dann ist es eine gute Idee, dies zu perfektionieren. Andererseits ist es durchaus aber so, dass es auch immer mehr Weinliebhaber gibt, die etwas Neues probieren wollen – auch wenn es uns hier so vorkommt: In anderen Gegenden Deutschlands hat der Riesling oft nicht den gleichen Stellenwert wie hier. Dann kommt dazu: wir Weinjournalisten brauchen auch etwas, worüber wir schreiben können – und unser täglich Brot sind eben „News“. Und wenn man über das Neue, was es zu berichten gibt, auch kontrovers diskutieren kann, ist das umso spannender – für uns, für unsere Leser, und auch für die Winzer selbst. Und zu guter Letzt: Zwischendurch auch mal was Neues zu probieren, hat nicht selten schon dazu geführt, dass man neue Impulse für die Kernkompetenz dazu gewonnen hat. 
Kurz: Wo verschiedene Ideen aufeinandertreffen, wo gesprochen und vielleicht manchmal auch gestritten wird, da wird etwas Besonderes, Individuelles, Innovatives geschaffen.

Und wie auch immer die Diskussion ausgehen mag: Etwas Besonderes sind die Weine vom Roten Hang allemal. Denn obwohl die Region von einer bestimmten Bodenformation, der so genannten Niersteiner Formation, geprägt ist, so sind die einzelnen Lagen doch überraschend gut herauszuschmecken. So bringt z.B. die Lage Hipping besonders kühle, mineralische Weine mit kräuteriger Würze hervor, Pettenthal wiederum sehr fruchtige, gehaltvolle Weine, die sich oft erst mit der Zeit öffnen, oder der Ölberg, der schlanke, mineralische Weine hervorbringt, die in der Altersentwicklung sehr elegante Reifearomen aufweisen. Ihre Fans dorthin zu führen, ist auch ein Anliegen der Winzer vom Roten Hang, wie man bei ihrer jährlichen Weinpräsentation „Zwischen Himmel und Rhein“ im Juni sehen kann, bei der nicht etwa jedes Weingut seinen Stand hat, sondern jede Einzellage: Hipping, Ölberg, Pettenthal, Orbel, Rothenberg, Schloss Schwabsburg, Brudersberg und Heiligenbaum.

Dieses Jahr werde ich übrigens wieder am Wine-Wichteln teilnehmen. Ich habe gestern noch einmal einen Blick in mein Weinregal geworfen, um zu sehen, was ich dieses Jahr verschicken könnte: Vielleicht den Ölberg Riesling Reserve von Gröhl, oder den Riesling Edition 2Hügel von Raddeck, den Riesling Roter Hang Spätlese von Wedekind – der übrigens vegan ist – oder vielleicht „Last night a Riesling saved my life“ von Georg Albrecht Schneider. Aber vielleicht – behalte ich die auch alle selbst.

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