V. l. n. r.: Wolfgang Junglas, Dagmar Ehrlich, Volker Raumland, Judith Seibel, Christoph Graf (Foto: Michael Else)
Mit dem Preis der Deutschen Weinkritik 2026 wurde der Verband Traditioneller Sektmacher geehrt – und damit nicht nur eine Gruppe engagierter Produzenten, sondern eine Bewegung, die dem deutschen Sekt ein neues Selbstverständnis gegeben hat. Die Laudatio würdigte eine Entwicklung, die leise, beharrlich und mit großer Geduld vorangetrieben wurde. So, wie guter Sekt entsteht.
Lange nahm deutscher Sekt eine paradoxe Rolle ein: Er war allgegenwärtig, bei Empfängen, Hochzeiten, Jubiläen und Silvesternächten, wurde aber selten als eigenständige Kategorie ernsthaft wahrgenommen. Während über Wein längst selbstverständlich mit Begriffen wie Herkunft, Lage, Terroir und Stil gesprochen wurde, blieb Sekt häufig das Getränk des Anlasses – nicht der Anlass selbst.
Diese Wahrnehmung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Heute wird über deutschen Spitzensekt mit Begriffen wie Herkunft, Struktur, Spannung, Balance, Länge und Feinheit der Perlage gesprochen. Darin liegt die große Leistung des Verbands Traditioneller Sektmacher: Er hat Sekt nicht als Nebensegment behandelt, sondern als eigenständige Spitzenkategorie definiert.
Im Zentrum steht eine klare Haltung: Sekt ist deutsche Herkunft und traditionelle Flaschengärung. Diese Methode ist weit mehr als ein technisches Verfahren. Sie steht für beste Traubenauswahl, Assemblage, zweite Gärung in der Flasche, langes Hefelager, handwerkliche Präzision und eine Produktionszeit, die sich nicht beliebig verkürzen lässt. Während andere Produkte längst im Markt sind, liegt der Sekt noch im Keller – dort, wo Geduld, Zeit und Handwerk seine Qualität formen.
Ein wichtiger Wendepunkt war die Präsidentschaft von Volker Raumland ab 2018. Mit ihm wurde die Haltung des Verbands strukturell sichtbar. Raumland steht wie kaum ein anderer für die konsequente Entscheidung, deutschen Sekt aus traditioneller Flaschengärung als Herkunftsprodukt zu denken. Daraus entstand keine laute Revolution, sondern eine Verschiebung der Maßstäbe.
2019 folgte ein weiterer symbolischer Schritt: Aus dem früheren „Verband der traditionellen klassischen Flaschengärer“ wurden die Traditionellen Sektmacher. Dieser neue Name war mehr als Kosmetik. Er rückte die Menschen in den Mittelpunkt: jene, die im Weinberg selektieren, Grundweine komponieren, Flaschen füllen, Hefen beobachten, rütteln, degorgieren, verwerfen, neu beginnen – und bereit sind, Jahre zu warten.
Der Verband zeigt zugleich, dass Tradition nicht rückwärtsgewandt sein muss. Die Sektmacher verbinden handwerkliches Erbe mit moderner Kellertechnik, wissenschaftlicher Präzision und einer Generation von Winzerinnen und Winzern, die international denkt und arbeitet. Hier wird nicht Vergangenheit konserviert, sondern Zukunft entwickelt.
Ein deutliches Zeichen setzte 2021 die Einführung der „Réserve“-Kategorie. Sie steht für mindestens 36 Monate Hefelager und bildet eine Prestigeebene innerhalb des Verbands. Ihr eigenes Erkennungszeichen macht sichtbar, worum es geht: nicht um Tempo, sondern um Zeit.
Die Laudatio machte auch deutlich, dass der Weg international noch nicht abgeschlossen ist. Deutscher Spitzensekt wird von Fachleuten anerkannt, ist auf wichtigen Auslandsmärkten aber noch immer eher Geheimtipp als etablierte Größe. Gerade darin liegt die nächste Aufgabe: nicht mehr zu beweisen, dass deutscher Sekt Weltklasse kann, sondern diese Wahrnehmung international zu verankern.
Die Traditionellen Sektmacher haben damit mehr erreicht als bessere Qualität in der Flasche. Sie haben einer Kategorie Identität, Glaubwürdigkeit und Selbstbewusstsein gegeben. Große Veränderungen entstehen selten schnell. Sie entstehen durch Geduld, Beharrlichkeit, Überzeugung – und durch Menschen, die bereit sind, gegen Erwartungen zu arbeiten..
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